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Niederlande oder Spanien: Wer wird Fußballweltmeister 2010

Die beiden Mathematiker Dr. Javier López Peña und Dr. Hugo Touchette an der Queen-Mary University of London haben eine Methode entwickelt, den Ausgang von Fußballspielen (relativ)zuverlässig vorherzusagen. Ausgangspunkt der mathematischen Analyse, die auf der Graphentheorie beruht, ist die Frage, wie gut die jeweilige Mannschaft als Netzwerk funktioniert. Das wiederum läßt sich an der Zahl der Pässe ablesen, die sich die Fußballer untereinander zuspielen. Um damit rechnen zu können, wird  jedem Spieler der Parameter „Centrality“  (Zentralität) ermittelt, der anhand der gespielten und zugespielten Pässe beschreibt, wie gut der Spieler in das mannschaftliche Netzwerk eingebunden ist.
 
Mit ihrer mathematischen Analysemethode können Peña und  Touchette beispielsweise erklären, warum Deutschland im Achtelfinale gegen England gewonnen hat. Ein Blick auf die Spielnetzwerke beider Mannschaften gibt die entscheidende Hinweise:

Die Spielnetzwerke der deutschen (links) und der englischen Mannschaft (rechts) Quelle: http://www.maths.qmul.ac.uk/  Die Engländer hatten ein gut organisiertes Mittelfeld um die Spieler Frank Lampard (Nr.8), Steven Gerrard (Nr.4) und Gareth Barry (14). Lampard schoß übrigens das zweite, zu Unrecht nicht anerkannte Tor der Engländer. Der Ball war eindeutig hinter der Linie gewesen, das sahen selbst viele Zuschauer auf der Tribüne, der Schiedsrichter sah es aber nicht! Allerdings haperte es in der englischen Mannschaft am Zusammenspiel zwischen Mittelfeld und Sturm, denn ihr Offensivspiel war zu einseitig auf ihren Stürmerstar Wayne Rooney (Nr.10) am linken Flügel ausgerichtet. Wie man in der Netzwerkgrafik klar erkennt, wurden beinahe alle Pässe auf ihn gespielt. Sein Kollege Jermain Defoe (Nr.19) ging dagegen nahezu leer aus. Er blieb vom spielerischen Netzwerk der Mannschaft isoliert. Das englische Angriffsspiel war somit für die Deutschen leicht ausrechenbar. Es genügte Rooney auszuschalten, und das englische Offensivspiel war vollständig blockiert.

Fußballfeld  Quelle: Wikipedia

Auf deutscher Seite wurden insgesamt auffällig mehr Pässe gespielt als bei den Engländern, alles „flutschte“ einfach besser. Die Angriffe der deutschen Mannschaft wurden von den Verteidigern Philipp Lahm (Nr.16, Kapitän der Mannschaft) und Per Mertesacker (Nr.17), manchmal aber von Arne Friedrich (Nr.3) eingeleitet. Dann lief es meistens weiter über die Drehscheibe im deutschen Spiel, den Mittelfeldspieler Bastian Schweinsteiger (Nr.7), der dann entweder Lukas Poldolski (Nr.10) auf dem linken oder Thomas Müller (Nr.13) auf dem rechten Flügel anspielte. Alternativ wurde auch Mesut Oezil (Nr.8) dazwischengeschaltet. Dieser sorgte für einen schnellen Wechsel des Angriffsspiels von links nach rechts und umgekehrt. Die Deutschen hatten im Gegensatz zu den Engländern eine Sturmspitze, Miroslaw Klose (Nr.11), die immer wieder für Überraschungen gut war und wichtige Tore erzielte. 

Entscheidend für den Sieg Deutschlands war also die häufigeren Pässe und das effektivere, schwerer ausrechenbare Anfgriffsspiel, das sowohl über den linken und rechten Flügel, als auch durch die Mitte vorgetragen wurde.

Doch Deutschland ist im Halbfinale gegen Spanien ausgeschieden, das nun im Endspiel gegen die Niederlande steht. Wer von beiden wird gewinnen und Fußballweltmeister 2010? Die Antwort liefert möglicherweise wiederum ein Vergleich der Spielnetzwerke beider Fußballmannschaften…

Die Spielnetzwerke der niederländischen (links) und der spanischen Mannschaft (rechts) Quelle: http://www.maths.qmul.ac.uk/

… und da verschlägt es einem den Atem! Ein so gut ausbalanciertes und eng gewobenes Spielnetzwerk haben wir bisher noch nicht gesehen. Die Spanier zeigen das komplizierteste und effektivste Zusammenspiel aller an der Weltmeisterschaft teilnehmenden Mannschaften. Sie spielen doppelt so viele Pässe wie die Niederländer und immerhin noch 40% mehr als die so beeindruckenden Deutschen. Entsprechend schwer ausrechenbar ist das spanische Spiel.

Entscheidend für die Stärke der spanischen Mannschaft ist das Spiel im Mittelfeld mit Sergio Busquets (Nr.16), Xavi (Nr.8), Xabi Alonso (Nr.14) und Andres Iniesta (Nr.6). Sie kontrollieren das Spiel durch ihr ausgeklügeltes Kurzpaßspiel und gewinnen auch die meisten Zweikämpfe. Der Sturm ist gut an das Mittelfeld angebunden. Herausragend ist David Villa (Nr.7), der während der Weltmeisterschaft im Durchschnitt 37 Pässe pro Spiel zugespielt bekam, deutlich mehr als alle anderen Stürmer im Tunier. Auch die Verteidiger Joan Capdevilla (Nr.11) und Sergio Ramos (Nr.15) schalten sich oft in das Angriffsspiel ein, erkennbar an ihrem recht häufigen direkten Zusammenspiel mit den Stürmern.

Das Spielnetzwerk der Niederlande ist vergleichsweise schwach entwickelt und insgesamt schlecht ausbalanciert. Das Spiel in Mittelfeld und Sturm ist auf nur wenige Spieler wie Dirk Kuyt (Nr.7) and Wesley Sneijder (Nr.10) konzentriert. Andererseits ist sogar ein Mittelfeldspieler wie Demy de Zeeuw (Nr.14) praktisch überhaupt nicht am Spielgeschehen beteiligt. Es ist daher leicht das niederländische Spiel zu zerstören. Gegnerische Mannschaften brauchen sich nur auf die wenigen aktiven Spieler der Niederlande zu konzentrieren. Die Stärke des niederländischen Spiels liegt auf der linken Seite. Wenige, hauptsächlich offensiv ausgerichtete Pässe, das ist typisch für ein schnelles Konterspiel auf der Basis einer gesicherten Verteidigung. Häufig werden die Tore auch nach Standardsituationen erzielt. Bei Eckbällen oder Freistößen, da sind die Niederlande gefährlich.

Die beiden Mathematiker Dr. Javier López Peña und Dr. Hugo Touchette prognostizieren – wir können es uns inzwischen schon denken – einen Sieg der spanischen Mannschaft. Ob es tatsächlich so kommt, schon bald werden wir es mit eigenen Augen sehen. Anpfiff: 11 Juli 2010, 20:30 Uhr (unsere Zeit) in Johannesburg, Südafrika. 

Quelle: Queen Mary University of London

Jens Christian Heuer

Interessante Links: Weltfußballverband (FIFA), Deutscher Fußball Bund (DFB)