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Extremwetterkongress 2009 I

In der Seestadt Bremerhaven hat am 19. Februar 2009 der 4.Extremwetterkongress begonnen. Veranstaltungsort ist das noch im Bau befindliche Klimahaus nahe dem Stadtzentrum am Alten Hafen. Auf dem Extremwetterkongress informieren Wissenschaftler die Öffentlichkeit über die neuesten Forschungsergebnisse aus dem Bereich Wetter und Klima. Daneben gibt es noch eine Ausstellung mit zahlreichen Messeständen, wo sich Wetterdienste, Firmen und andere mit dem Thema Wetter und Klima befasste Organisationen präsentieren können. Dort bieten sich auch viele Gelegenheiten zu netten Begegnungen und anregenden Gedankenaustausch unter den zahlreichen Wetter- und Klimainteressierten.

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Vortragsraum im Forum des Klimahauses Quelle: WetterJournal

Alle 3 Veranstaltungstage bieten ein umfangreiches Vortragsprogramm. Über eine kleine Auswahl der aus meiner Sicht interessantesten Vorträge, (soweit ich Gelegenheit hatte sie zu besuchen) möchte ich hier zusammenfassend berichten:  

Die Bedeutung der Ozeane für das Klima und bei der Enstehung extremer Wetterphänomene Referent: Prof. Dr. Mojib Latif

Die globale Erwärmung schreitet voran. Innerhalb der letzten 100 Jahre ist es weltweit gesehen um 0,7°C wärmer geworden. Doch die Kurve der globalen Durchschnittstemperatur zeigt über die Jahre gesehen keine konstante Zunahme, sondern deutliche Schwankungen, die auf natürliche Ursachen zurückgehen.

Vorübergehend wird es  sogar immer wieder einmal zwischendurch kälter, doch auf längere Sicht weist der Trend eindeutig nach oben. Dabei ist die Erwärmung in höheren Breiten eindeutig ausgeprägter als in niedrigen Breiten. Denn mit dem Abschmelzen des arktischen Meereises wird die darunter liegende dunkle Wasseroberfläche frei, welche die Sonnenstrahlung wesentlich besser absorbiert, wodurch sich die weitere Erwärmung beschleunigt und noch mehr Eis schmilzt usw. (positive Eis-Albedo-Rückkopplung).

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Die globale Durchschnittstemperatur nimmt nicht überall gleichmässig zu. Auf kurze Sicht gesehen kann es global gesehen sogar vorübergehend kälter werden. Auf lange Sicht gesehen steigt die globale Durchschnittstemperatur jedoch trotz einiger natürlicher Schwankungen immer weiter an. Quelle: http://data.giss.nasa.gov/gistemp/2008/

Die natürlichen Schwankungen der globalen Durchschnittstemperatur gehen vor allem auf Veränderungen bei den Meeresströmungen zurück. Neben dem ENSO Phänomen (Zeitskala einige Jahre), das auf einer Instabilität der Passatwinde im Pazifik beruht, ist es die veränderliche Stärke des Golfstromes (Zeitskala einige Jahrzehnte!), die einen erheblichen Einfluss auf die globale Durchschnittstemperatur ausübt. Dabei wird der Nordatlantik wärmer und der Südatlantik kälter oder genau umgekehrt.

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ENSO: Sehr starke Passatwinde treiben das warme pazifische Oberflächenwasser westwärts, wodurch an den Westküsten Nord- und Südamerikas kaltes, nährstoffreiches Tiefenwasser hervorquillt und der Pazifik in weiten Bereichen kühler wird (La Nina). Sinkt aufgrund  veränderter Meeresströmungen der Druckgradient zwischen Subtropenhochs und dem äquatorialen Wärmetief der Innertropischen Konvergenzzone (ITCZ) im Westpazifik, so werden die Passate schwächer. Dann  strömt das im Westpazifik aufgestaute warme Oberflächenwasser nach Osten zurück, wodurch die Wasseroberfläche des Pazifik grossflächig wärmer wird (El Nino). Quelle: http://www.soest.hawaii.edu/MET/Enso/

Insgesamt gesehen schwankt die Globaltemperatur um bis zu 0,24°C (auf der Nordhalbkugel allein sogar um 0,39°C!). Ein verstärkter Golfstrom ist für etwa 1/5 der beobachteten globalen Erwärmung verantwortlich. Der Hauptanteil geht also eindeutig auf die Treibhausgasemissionen des Menschen zurück.

Latif beschrieb dann noch einmal kurz die langfristig schwerwiegenden Folgen des globalen Klimawandels: Meeresspiegelanstieg durch (teilweises)Abschmelzen des Grönlandeises (bei vollständigem Abschmelzen ca. 7 m Meeresspiegelanstieg), Zunahme von Extremwetterereignissen (Dürre, Starkregen usw.), Destabilisierung der Methanhydrate an den Kontinentalabhängen mit massiver Freisetzung von Methangas (und dementsprechend verstärktem Treibhauseffekt), aber auch Erwärmung und Versauerung der Ozeane, wodurch diese irgendwann als Kohlenstoffsenke ausfallen werden (geringere Löslichkeit von CO2 in warmem Wasser, Zerstörung der Kalkskelette zahlreicher Algenarten, die Photosynthese betreiben und dafür CO2 binden).

Eine Reduktion von Treibhausgasen  kann nur durch internationale Zusammenarbeit gelingen, genauso wie es sie zurzeit bei der Bekämpfung der Weltwirtschaftskrise schon gibt. Bei der Frage, was zu tun sei, dürfe es keine Denktabus geben meinte Latif. Er sei recht optimistisch, das der Menschheit eine Lösung des Klimaproblems gelingen werde.

Zum Schluss wurde noch kurz diskutiert. Auf meine Frage , ob nicht auch die Sonne ein massgeblicher Einflussfaktor auf das globale Klima sei und somit vielleicht auch mitverantwortlich für die leichte Abkühlung der letzten Jahre (seit 2003 ist die Zahl der Sonnenflecken, ein Mass für die Sonnenaktivität deutlich zurückgegangen und seit ein paar Monaten erscheinen praktisch keine mehr!) antwortete Latif, die veränderliche Sonne habe im Vergleich zu den Treibhausgasen nur eine äusserst geringe Wirkung auf das globale Klima.

Eine erstaunliche Aussage, brachte doch z.B. das Maunder-Minimum (mit einer äusserst geringen Sonnenfleckenzahl!) in den Jahren 1645-1715 immerhin eine „Kleine Eiszeit“ zustande, wodurch sich damals die allgemeinen Lebensbedingungen dramatisch verschlechterten!

Klimaforschung und Öffentlichkeit   Referent: Prof. Dr. Hans von Storch

Klimawandel ist ein gesellschaftliches Konstrukt, da niemand den Klimawandel, welcher sich im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten abspielt, direkt erfahren kann. Dieses Konstrukt hat 2 Seiten:

Eine wissenschaftliche Seite mit einer objektiven Analyse von Beobachtungen (und Daten) und ihrer Interpretation durch Theorien, aber auch eine kulturelle Seite, welche durch öffentlichen Medien (Presse, Rundfunkt, Fernsehen, Internet) beherrscht und vermittelt wird.

Dabei ist die kulturelle Seite oft wirkmächtiger: Wo die Wissenschaft von einem menschengemachten Klimawandel spricht, der durch eigene Anstrengungen (Reduktion der Treibhausgasemissionen) in einem gewissen Ausmass abgemildert werden, aber nicht vermieden werden kann, ist in den Medien einfach nur von der Klimakatastrophe die Rede. Wo die Wissenschaft schlicht und einfach feststellt, dass der Klimawandel uns bisher, entgegen der ursprünglichen Annahme,  keine stärkeren Stürme beschert hat, wird genau dies in der Öffentlichkeit immer wieder verbreitet und auch geglaubt!

Das Problem ist nicht die Uninformiertheit der Öffentlichkeit, sondern die Tatsache, dass die Wissenschaft auf dem „Markt der Erklärungen“ immer wieder mit vorwissenschaftlichen und tradierten Interpretationsmustern konfrontiert wird. So erscheint vielen die Klimakatastrophe als Bestrafung für einen zu anspruchsvollen („sündhaften“) Lebenswandel! Wissenschaftliche Fakten haben da oft keine Chance.

Das gegenwärtige Klima ändert sich eindeutig aufgrund des vermehrten Eintrages von Treibhausgasen in die Atmosphäre durch den Menschen. Der Klimawandel ist zuerst anhand der weltweit ansteigenden Temperaturen feststellbar, wird sich in diesem Jahrhundert aber verstärkt durch Veränderungen im Wasserkreislauf (verstärkte Dürreperioden einerseits,vermehrter Starkregen andererseits) bemerkbar machen. Der Klimawandel beeinflusst tiefgreifend die Gesellschaft und die Ökosysteme.

Der Mensch hat grundsätzlich 2 Möglichkeiten zu reagieren:

1. Vermeidungsstrategie; also alle nur denkbaren Anstrengungen (Reduktion der Treibhausgasemissionen durch effizientere Energienutzung, Nutzung nichtfossiler Energiequellen usw.) unternehmen, um den Klimawandel zu abzumildern oder im günstigsten Falle ganz zu stoppen.

2. Anpassungsstrategie; also Anstrengungen unternehmen, um die negativen Auswirkungen des Klimawandels zu begrenzen (z.B. Deichausbau bei drohendem Meeresspiegelanstieg).

Am Besten erscheint ein Mix beider Strategien: Eine Vermeidungsstrategie, soweit wirtschaftlich und politisch vertretbar; darüber hinaus aber Anpassung an den an sich unvermeidbaren Klimawandel! Ansonsten drohen wesentlich akutere Probleme (Armut, Hunger), als der zukünftige Klimawandel aus dem Blick zu geraten. Während man sich z.B. um die Sturmflutopfer (Meeresspiegelanstieg) von morgen sorgt, werden die von heute aber vergessen (Überschwemmungen in Bangladesh)!

All diese Fragen gehören auch in den Aufgabenbereich der sogenannten Klimabüros, auf die von Storch dann noch zum Ende seines Vortrages näher einging. Sie sollen die Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit in Sachen Klimawandel verbessern und die politische Entscheidungsfindung auch und gerade auf regionaler Ebene erleichtern.

Jens Christian Heuer

Fortsetzung folgt!

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